Sir Donald Runnicles im Interview


Im Gespräch mit Christopher Dingstad, dem Leiter der Künstlerischen Planung, erzählt unser neuer Chefdirigent, warum das Straßenbahnfahren gewisse Parallelen zum Dirigieren hat, warum er sich in Dresden schon fast zu Hause fühlt und warum er auch gern direkt zum Publikum spricht.


Christopher Dingstad

Wie fühlt es sich an, in Dresden zu sein?

Sir Donald Runnicles

Sehr gut! Die Menschen sind sehr sympathisch, das Orchester ist großartig, ich fühle mich sehr entspannt und inspiriert - beim Musizieren, aber auch überhaupt in der Stadt.

Christopher Dingstad

Das Wort conductor bedeutet ja im Englischen ›Dirigent‹ und aber auch ›Zugführer‹. Gibt es Parallelen?

Sir Donald Runnicles

Ja, es gibt gewisse Parallelen (lacht). Bei einem sehr guten Orchester ist man als Dirigent da, um die Übergänge, die Tempowechsel usw. auszuhandeln, aber dann muss man loslassen, niemals überdirigieren! Bei der Straßenbahn würde man sagen, wir rollen. Aber es gibt schon einen Unterschied. Sonst müsste ich beim Orchester ja so eine Art Autopilot haben.

Christopher Dingstad

Wo ist Ihr Zuhause?

Sir Donald Runnicles

Wo mein Koffer gerade steht. Meine Frau und ich wohnen hauptsächlich in Berlin, haben aber auch einen Wohnsitz in Jackson Hole (Wyoming) und verbringen drei, vier Monate im Jahr in Amerika. Ich bin weltweit unterwegs, meine Frau Adelle fährt jetzt, wo die Kinder groß sind, mit. Also: wo wir gerade sind, ist so eine Art Zuhause.

Christopher Dingstad

Sie sind Schotte, und Sie sind auch Naturmensch. Offene Räume sind wichtig für Sie…

Sir Donald Runnicles

Das stimmt. Ich komme aus Edinburgh, aber wir haben außerhalb gelebt, schon fast auf dem Land. Ich bin neben einem Golfplatz aufgewachsen, wo ich als junger Mann fast jeden Tag Golf gespielt habe, und ja, ich bin sehr gerne in der Natur. Wenn ich lange Spaziergänge mache, habe ich Bruckner und Wagner im Kopf. Und Gustav Mahler! Menschen, die die Natur sehr geliebt und gelebt haben. Gerade in Mahlers Sinfonien ist die Natur tatsächlich zu spüren. In diesem Sinne bin ich ein Naturmensch.

Christopher Dingstad

Wenn Sie musizieren, dann entsteht für mich immer der Eindruck, dass Sie einen Raum für die Musiker schaffen. Das geschieht sehr organisch, Sie geben den Musikern eine Plattform. Tun Sie das gezielt?

Sir Donald Runnicles

Ich habe sehr viel Oper dirigiert. Durch Licht, Bild, Musik und Gesang entsteht ein Raum, etwas Dreidimensionales. Bei Mahler spricht man immer wieder von einer Klangwelt. Man ist tatsächlich umgeben von dieser Musik. Aber nicht nur Mahler, sondern auch Bruckner hat sehr mit einem gewissen körperlichen Raum gearbeitet. Die Musik kommt oft von weither. Mahler schreibt in seinen Partituren selbst: ›wie aus weiter Ferne‹ und ›immer näher kommend‹, also in dieser Musik gibt es auch einen dreidimensionalen Raum.

Christopher Dingstad

Vielleicht kann man das auch psychologisch verstehen, Musiker brauchen Raum, um kreativ zu sein …

Sir Donald Runnicles

Ich hoffe, das Orchester spürt, dass ich wahnsinnig gerne Freiraum gebe. Wenn es rollt, so wie hier in der Bahn, soll man die Maschine nicht stören. Einfach spielen lassen! Ich bin dafür da, anzuzeigen, wo man links oder rechts abbiegt, oder wo ein bisschen langsamer gefahren werden muss… Das mit dem Raum ist besonders wichtig, wenn wir Stücke spielen, die vielleicht nicht so bekannt sind: Was ist Vordergrund, was ist Hintergrund, wer ist gerade am wichtigsten? Also Kontext, Zusammenhänge zu zeigen. Das ist für mich eine sehr schöne Aufgabe als Dirigent.

Christopher Dingstad

Was ist besonders an der Dresdner Philharmonie?

Sir Donald Runnicles

Ich habe das Orchester Ende des Jahres 2022 das erste Mal erlebt. Als Dirigent weiß man nie im Voraus, ob es funktionieren wird. Reden wir die gleiche Sprache? Verstehen wir uns? Und dann wurde es eine unglaublich schöne Woche. Gleich in der ersten Probe habe ich nicht nur Respekt erlebt - es ist ein unheimlich respektvolles Orchester! -, sondern auch ein Wollen und den Willen, etwas auszuprobieren. Das Orchester hat auch gespürt, dass ich Raum gebe. Innerhalb von drei Tagen war eine Beziehung da. Das geschieht so selten! Und ich kam gar nicht mit der Intention, hier Chef zu werden. Dass es anschließend zu dieser Zusammenarbeit kam, ist wunderbar.

Christopher Dingstad

Worauf können wir uns in der Saison 2025/2026 freuen?

Sir Donald Runnicles

Um nur eine Sache herauszugreifen: Etwas ganz Besonderes wird eine beginnende Beziehung mit dem schottischen Komponisten Sir James McMillan. Ich kenne James schon sehr, sehr lange, habe etliche Stücke von ihm aufgeführt, er hat mir seine Vierte Sinfonie gewidmet. Wir werden nicht nur die Vierte spielen, sondern auch seine Sechste Sinfonie uraufführen.

Christopher Dingstad

Was ist für Sie der schönste Moment bei einem Sinfoniekonzert?

Sir Donald Runnicles

Das Schönste am Sinfoniekonzert ist eigentlich, dass nicht mehr geredet wird. Man hat viel und hoffentlich effizient geprobt, und nun kann man loslassen. Zum ersten Mal ist Publikum da, dadurch entsteht eine sehr schöne Spannung. Und es können die tollsten Sachen passieren, ohne dass man das geprobt hat und erwartet. Alles geschieht ganz in dem Augenblick. Es findet etwas Einmaliges statt, und zwar erst im Konzert!

Christopher Dingstad

Sie haben beim letzten Konzert eine kurze Werkeinführung gegeben und haben das auch in Zukunft bei manchen Werken vor. Warum machen Sie das, warum ist Ihnen das wichtig?

Sir Donald Runnicles

Wenn es sich um Werke handelt, die vielleicht etwas ungewöhnlich oder gar nicht bekannt sind, ist es, glaube ich, hilfreich, wenn ich dem Publikum sage, warum wir gerade dieses Stück spielen. Warum ist es für mich wichtig? Warum sollte es in Dresden gehört werden? Möglicherweise hat das Orchester oder ich eine besondere Beziehung dazu. Ich habe auch die Gelegenheit, Motive aus einem weniger bekannten Werk vorzustellen und damit dem Publikum so eine Art Landkarte mitzugeben: ›Aha, darauf sollte ich hören‹. Aber das Allerwichtigste ist, denke ich, zu vermitteln, dass das hier ist nichts Heiliges ist. Nicht wie in der Kirche, wo man nicht lachen und reden darf. Ich finde es wichtig, tatsächlich eine Beziehung zum Publikum zu haben. Dass es mich kennen lernt und dass es meine Beziehung zu den Philharmonikern nicht nur durch meine Gestik erlebt, sondern auch in einem kurzen Gespräch. Ich mache das nicht bei allen Konzerten. Aber ich finde es ab und zu wichtig.

Christopher Dingstad

Ich habe gelesen, dass Sie gelegentlich zum Spaß spät abends am Flugsimulator sitzen. Stimmt das?

Sir Donald Runnicles

O ja, das stimmt! Ich habe einen Flugsimulator in Berlin und einen in Jackson Hole. Abends nach einer Vorstellung oder einem Konzert bin ich oft noch sehr ›aufgeladen‹. Die Familie schläft längst, und dann gehe ich zum Flugsimulator und fliege von Salzburg nach Innsbruck.

Christopher Dingstad

Das ist so ähnlich wie in der Tram?

Sir Donald Runnicles

Es ist komplizierter als in der Tram! Ich ›fliege‹ meist ungefähr eine dreiviertel Stunde. Ob eine Opernvorstellung oder ein Konzert gut gelaufen ist, ist sehr subjektiv. Aber beim Fliegen gibt es nichts Subjektives. Man hebt ab und man landet. Das ist ein fantastischer Ausgleich.

Christopher Dingstad

Vielen Dank!